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Riester oder ETF-Sparplan mit 28 Jahren – was macht bei 38k Brutto mehr Sinn?

Kategorie: Altersvorsorge-und-Rente  ·  erstellt von Rudolf P.  ·  25. Nov 2024, 10:22  ·  18 Antworten · 5284 Aufrufe

Hallo zusammen,

ich frage hier eigentlich für meinen Neffen, der 28 Jahre alt ist und mich um Rat gebeten hat. Er verdient rund 38.000 Euro brutto im Jahr, ist ledig und hat vor etwa zwei Jahren einen Riester-Vertrag abgeschlossen – einen klassischen Banksparplan bei der Sparkasse, soweit ich weiß. Er zahlt monatlich 80 Euro ein.

Jetzt hat er irgendwo gelesen, daß ETF-Sparpläne langfristig deutlich besser abschneiden als Riester. Er überlegt deshalb, den Riester entweder zu kündigen oder zumindest beitragsfrei zu stellen und das Geld stattdessen in einen ETF-Sparplan zu investieren.

Ich selbst bin Rentner und kenne mich mit diesen neumodischen ETF-Sachen ehrlich gesagt wenig aus. Zu meiner Zeit war das Sparbuch noch eine ernsthafte Option. Aber ich will ihm keinen falschen Rat geben.

Was ich ihn noch nicht gefragt habe: Er hat glaube ich keine Kinder. Bekommt er dann überhaupt die volle Zulage? Und was ist mit dem Steuervorteil – lohnt der sich bei seinem Gehalt?

Ich würde mich freuen, wenn jemand das sachlich einschätzen kann. Kündigen, beitragsfrei stellen oder doch behalten?

Gute Frage, und gut, dass Sie das hier nachfragen bevor er einfach kündigt.

Kurz zu den Zahlen: Bei 38.000 € brutto, ledig, keine Kinder, bekommt er als Grundzulage 175 € pro Jahr vom Staat. Die volle Zulage gibt es, wenn er mindestens 4 % des Vorjahresbruttos einzahlt – also rund 1.520 € pro Jahr, also etwa 127 € monatlich. Mit 80 € im Monat zahlt er wahrscheinlich zu wenig und bekommt die Zulage nur anteilig.

Der Steuervorteil bei seinem Gehalt ist überschaubar. Er kann bis zu 2.100 € als Sonderausgaben absetzen, aber bei einem zu versteuernden Einkommen von schätzungsweise 29.000–30.000 € nach Pauschalen ist der Grenzsteuersatz nicht besonders hoch. Da holt man steuerlich nicht viel raus.

Kündigen würde ich aber nicht empfehlen – da muss er die Zulagen und Steuervorteile zurückzahlen. Beitragsfrei stellen ist die sauberere Lösung, wenn er wechseln möchte.

— Sicherheit vor Rendite. Zumindest beim Notgroschen.

@Festgeld_Franziska hat das Wesentliche schon gut zusammengefasst. Ich ergänze mal die ETF-Seite:

Ein breit gestreuter ETF auf den MSCI World oder FTSE All-World hat historisch 7–9 % p.a. vor Steuern gebracht. Ein Riester-Banksparplan bei der Sparkasse – da reden wir aktuell von vielleicht 2–3 % effektiv, wenn's gut läuft, und das ist schon optimistisch für einen klassischen Sparplan.

Bei einem 37-jährigen Anlagehorizont (Renteneintritt mit 67) macht das einen enormen Unterschied. Grob gerechnet: 80 € monatlich über 39 Jahre bei 7 % Rendite = ca. 180.000 €. Beim Riester-Banksparplan mit 2,5 % wären es vielleicht 55.000–60.000 €. Selbst nach Abzug der Kapitalertragsteuer beim ETF liegt man deutlich vorne.

Der Haken: Beim ETF gibt es keine Garantien, kein staatliches Geld obendrauf. Für jemanden ohne Kinder und ohne Top-Gehalt ist Riester aber wirklich nicht der optimale Weg.

— Zinsen warten nicht – ich auch nicht.

Ich sag's mal so: Riester lohnt sich hauptsächlich für zwei Gruppen – Leute mit Kindern (wegen der 300 € Kinderzulage pro Kind und Jahr) und Gutverdiener mit hohem Grenzsteuersatz. Ihr Neffe ist weder noch.

Ich hab selbst Riester, weil ich 4 Kids habe. Das sieht dann schon anders aus: 175 € Grundzulage + 4 × 300 € = 1.375 € pro Jahr vom Staat, ohne dass ich viel einzahlen muss. Das ist eine andere Rechnung.

Für jemanden ohne Kinder bei 38k ist ein ETF-Sparplan die klar bessere Option. Ich würde beitragsfrei stellen (nicht kündigen!), und dann monatlich 80–100 € in einen FTSE All-World ETF packen. Bei Scalable Capital oder Trade Republic kostet das praktisch nichts an Gebühren. 😄

— 4 Kids, 1 Gehalt, viel Disziplin.

ja genau was Bernd sagt! Ich bin auch 24 und hab von Anfang an direkt ETF gemacht statt Riester, weil meine Eltern mir das zum Glück erklärt haben 😅

Riester ist halt so ein Produkt das klingt als wäre es vom Staat endorsed, aber in der Praxis fressen die Kosten und die niedrige Rendite den Vorteil oft wieder auf. Besonders bei so nem Banksparplan von der Sparkasse – da lachen die Bankberater wahrscheinlich innerlich wenn sie das verkaufen 😬

Trade Republic hat gerade 4% auf Cash und ETF-Sparpläne ab 1€. Da einfach loslegen.

— ETF-Sparplan mit 20 gestartet – hab ich mir sagen lassen 😁

Kleiner Hinweis zur Korrektheit: Die Kinderzulage beträgt seit 2018 185 € pro Kind und Jahr für Kinder die vor 2008 geboren wurden, und 300 € pro Kind und Jahr für ab 2008 geborene Kinder. Das nur zur Präzisierung von Bernds Beitrag – der Punkt bleibt natürlich richtig.

Zum Thema Kündigung: Bitte wirklich aufpassen. Bei Kündigung müssen sämtliche staatlichen Zulagen und steuerlichen Vorteile zurückgezahlt werden. Das kann je nach Laufzeit und eingezahlten Beträgen schmerzhaft sein. Beitragsfrei stellen kostet meist nichts und lässt alle Optionen offen – auch einen späteren Anbieterwechsel oder eine Reaktivierung.

— Sachlich bleiben – dann kommen wir alle weiter.

Ich bin selbst Rentner und habe zu meiner Zeit auf Lebensversicherung und Sparbuch gesetzt. Im Nachhinein war das nicht optimal, aber damals kannte man nix anderes.

Was mich bei dieser ganzen Riester-Diskussion immer wieder wundert: Das System wurde 2001 eingeführt um die sinkende gesetzliche Rente zu ergänzen. Klingt gut. Aber die Anbieter haben es geschafft, so viele Kosten reinzupacken, daß der staatliche Vorteil oft verpufft. Ein Bekannter von mir hat 20 Jahre lang Riester gezahlt und am Ende netto kaum mehr rausgehabt als er eingezahlt hat – nach Inflation sogar weniger.

Ich würde dem jungen Mann raten: Finger weg von teuren Produkten, lieber einfach und günstig investieren.

— Früher war Sparbuch genug – heute muss man mehr wissen.

Also ich bin aus Österreich, da gibt's kein Riester, aber ich verfolg solche Diskussionen trotzdem immer gern 😄

Was mich interessiert: Hat der Neffe eigentlich schon einen Notgroschen aufgebaut? Weil bevor man über Riester vs ETF nachdenkt, sollte man erstmal 3 Monatsnettolöhne auf nem Tagesgeld parken. Sonst muß man im Notfall den ETF mit Verlust verkaufen.

Das vergessen die Leute oft – Anlagehorizont und Liquidität sind erstmal wichtiger als die Produktfrage.

— Kreditkarte ja – aber bitte vollständig abbezahlen jeden Monat.

Ich hab selbst mal einen fondsgebundenen Riester-Vertrag gehabt – bei Union Investment, den UniProfiRente. Klingt erstmal besser als ein Banksparplan, weil da wenigstens Aktien drin sind. Aber: Die Beitragsgarantie zwingt den Anbieter dazu, zum Laufzeitende 100 % der eingezahlten Beiträge garantieren zu müssen. Das führt dazu, dass in den letzten Jahren vor Rentenbeginn massiv in sichere Anlagen umgeschichtet wird – genau dann, wenn der Markt vielleicht grad gut läuft.

Ergebnis: Ich hab 12 Jahre eingezahlt, war real kaum besser als ein normales Festgeld. Habe beitragsfrei gestellt und bin jetzt komplett auf ETF umgestiegen. Hätte ich früher machen sollen, steht sogar in meiner Signatur. 😐

Beim Neffen: Beitragsfrei stellen, den gesparten Betrag in einen MSCI World oder All-World ETF bei einem Neobroker. Fertig.

— Von aktiven Fonds zu ETFs – hätte ich früher machen sollen.
Zuletzt bearbeitet von Ulf P. am 27. Nov 2024, 18:38 – Grund: Anbietername korrigiert (UniProfiRente, nicht UniGlobal)

Okay ich fass mal zusammen was ich aus dem Thread mitnehme, weil ich selbst fast in derselben Situation bin (27, ~40k brutto, auch mal kurz über Riester nachgedacht) 😅

  • Kündigen = Zulagen zurückzahlen → dumme Idee
  • Beitragsfrei stellen = kostenlos, lässt Optionen offen → okay
  • ETF-Sparplan statt Riester bei seinem Profil = macht langfristig mehr Sinn
  • Notgroschen zuerst (danke @Kreditkarten_Knecht_Knut, hatte ich fast vergessen)

Hab ich was vergessen? 🤔

— Nebenkostenabrechnung ist der Endgegner 🧾

Was ich noch niemanden erwähnen sehen habe: Es gibt auch Riester-ETF-Fondssparpläne. Sutor Bank zum Beispiel bietet das an, früher war auch fairr.de groß – die haben aber eingestellt. Das wäre theoretisch eine Mischung aus staatlicher Förderung und Aktienrendite.

Aber auch da gilt: Die Beitragsgarantie kostet Rendite, und die Verwaltungskosten fressen noch mehr. Für jemanden ohne Kinder und ohne sehr hohes Einkommen würde ich das auch nicht empfehlen.

Insgesamt: Der klassische Riester-Banksparplan bei der Sparkasse ist wahrscheinlich das schlechteste Produkt das man sich 2022/23 noch andrehen lassen konnte. Beitragsfrei stellen, ETF-Sparplan, Ende der Geschichte.

— Versicherungen: Nur was wirklich nötig ist.

Ich unterrichte selbst und erkläre meinen Kollegen manchmal die Grundlagen der Altersvorsorge – da kommen immer wieder dieselben Missverständnisse.

Eines davon: Viele glauben, Riester sei automatisch sicher und ETFs seien Zockerei. Das stimmt so nicht. Ein breit diversifizierter ETF auf den MSCI World enthält über 1.500 Unternehmen aus 23 Ländern. Das ist keine Spekulation, das ist strukturiertes Investieren in die globale Wirtschaft.

Bei einem 28-Jährigen mit 39 Jahren bis zur Rente kann man kurzfristige Schwankungen sehr gut aussitzen. Das ist genau der Zeitraum, in dem ein Aktien-ETF sein volles Potenzial entfalten kann. Riester-Banksparplan ist in diesem Zeitraum renditetechnisch einfach nicht konkurrenzfähig.

Ich würde dem Neffen auch empfehlen, sich den Finanztip-Riester-Rechner anzuschauen – die haben das gut aufbereitet, ohne Werbung für bestimmte Produkte zu machen.

— Passives Investieren für aktive Köpfe.

Ich möchte eine Zahl in den Raum stellen, die in dieser Diskussion fehlt: die effektive Förderquote.

Bei 38.000 € brutto, ledig, keine Kinder: 175 € Zulage pro Jahr. Wenn er 80 € monatlich einzahlt (960 € p.a.), beträgt sein Eigenanteil nach Zulage 785 €. Die Förderquote liegt damit bei etwa 18 %. Das klingt erstmal nicht schlecht.

Aber: Bei einem Banksparplan mit realen Ertragsaussichten von 2–3 % und einer Laufzeit von 39 Jahren ist die Förderung durch die Renditeeinbuße gegenüber einem ETF mehr als aufgefressen. Wenn der ETF 6 % p.a. nach Kosten bringt und der Riester 2,5 %, dann beträgt der Unterschied bei 80 € monatlich nach 39 Jahren über 100.000 € – selbst unter Berücksichtigung der nachgelagerten Besteuerung der Riester-Rente.

Das ist keine Meinung. Das ist Zinseszinsrechnung.

— Nach Kosten und Steuern zählt nur die Nettorendite.

Ich möchte kurz auf den steuerlichen Aspekt eingehen, weil das oft falsch dargestellt wird – auch hier im Thread ein bisschen.

Der Sonderausgabenabzug bei Riester: Ja, man kann bis zu 2.100 € geltend machen. Aber das Finanzamt prüft, ob der Steuervorteil größer ist als die Zulage. Wenn nicht, gibt's nur die Zulage – also keine Doppelförderung.

Bei 38.000 € brutto und einem zu versteuernden Einkommen von schätzungsweise 28.000–29.000 € (nach Werbungskosten- und Sonderausgabenpauschale) liegt der Grenzsteuersatz bei rund 30–33 %. Auf 960 € Einzahlungen minus 175 € Zulage = 785 € Eigenanteil. Steuervorteil: maximal ~260 € minus die bereits verrechnete Zulage. Netto-Steuervorteil also sehr überschaubar, unter 100 € im Jahr.

Und wichtig: Die Riester-Rente wird im Alter voll versteuert (nachgelagerte Besteuerung). Wenn er im Alter wenig verdient, ist das günstig – aber beim ETF zahlt er nur 25 % Abgeltungsteuer auf Gewinne. Das muss man gegenrechnen. 😊

— Steuererklärung: Pflicht und Chance zugleich.
Zuletzt bearbeitet von Stefanie R. am 29. Nov 2024, 01:39 – Grund: Grenzsteuersatz-Angabe präzisiert

NettorenditeNicolas schrieb:Das ist keine Meinung. Das ist Zinseszinsrechnung.

😄 Das Zitat des Threads. Kann man eigentlich als Signatur nehmen.

Ernsthaft aber: Ich glaube wir sind uns hier alle einig, was selten genug vorkommt. Beitragsfrei stellen, ETF-Sparplan aufsetzen, fertig. Dem Neffen viel Erfolg – mit 28 hat er noch so viel Zeit, dass selbst ein paar verschwendete Jahre mit Riester nicht tragisch sind.

— 4 Kids, 1 Gehalt, viel Disziplin.

Ich lese hier immer mit und lerne noch was, auch mit 68 Jahren. Hätte ich damals gewusst, was ETFs sind, hätte ich vieles anders gemacht.

Aber eine Frage an die Experten hier: Was ist eigentlich mit der gesetzlichen Rente? Ihr Neffe zahlt doch monatlich in die Rentenversicherung ein. Reicht das als Basis nicht irgendwann? Ich frage nur weil ich das Gefühl habe, daß viele junge Leute heute gar nicht mehr wissen, was sie aus der gesetzlichen Rente überhaupt erwarten können.

— Man lernt nie aus – auch nicht mit 68.

@RentenpunktRosemarie Gute Frage. Bei 38.000 € brutto und 45 Beitragsjahren würde er heute ca. 1.400–1.500 € gesetzliche Rente im Monat bekommen (Stand aktuelle Rentenwerte, nominal). Real – also nach Inflation – ist das deutlich weniger. Das Rentenniveau sinkt zudem langfristig weiter.

Kurze Antwort: Nein, die gesetzliche Rente allein reicht nicht für einen komfortablen Ruhestand. Deshalb ist private Vorsorge wichtig – aber halt bitte in sinnvollen Produkten. 😉

— Zinsen warten nicht – ich auch nicht.

Als Bankkauffrau muss ich kurz was loswerden, auch wenn's unbequem ist: Sparkassen-Berater haben ein Interesse daran, solche Produkte zu verkaufen. Nicht weil sie böse sind, sondern weil das ihr Job ist und sie Ziele haben. Ein Riester-Banksparplan ist einfach zu verkaufen und klingt solide.

Das bedeutet nicht, dass alle Bankberater schlechte Empfehlungen geben. Aber bei Altersvorsorgeprodukten mit 40-jährigem Horizont lohnt sich immer eine Zweitmeinung – zum Beispiel bei einem unabhängigen Honorarberater oder eben in Foren wie diesem. 🙂

Zur Ausgangsfrage: Beitragsfrei stellen, ETF-Sparplan. Das ist hier Konsens und der ist berechtigt.

— Festgeld ist nicht sexy, aber es schläft gut.

Sorry für den Necro-Post, aber ich wollte kurz updaten: Ich war in fast derselben Situation wie der Neffe. Hab meinen Riester-Banksparplan vor 5 Monaten beitragsfrei gestellt (hat tatsächlich null gekostet, einfach Formular zur Sparkasse geschickt) und seitdem laufen 100 € monatlich in einen Vanguard FTSE All-World Accumulating bei Trade Republic.

Erster Monat war psychologisch komisch weil der ETF direkt 3% gefallen ist. Zweiter Monat wieder gestiegen. Dritter Monat neues Allzeithoch. Jetzt bin ich 4% im Plus und vor allem: ich mach mir keine Gedanken mehr. Daumen drücken für alle die gerade überlegen. 👍

— Nebenkostenabrechnung ist der Endgegner 🧾
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