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Hat hier jemand einen Finanzberater bereut? Ehrliche Erfahrungen gesucht

Kategorie: Off-Topic  ·  erstellt von Sabine (Mod)  ·  08. Okt 2024, 10:03  ·  18 Antworten · 2210 Aufrufe

Hallo zusammen,

ich stell die Frage mal bewusst hier rein, auch wenn ich eigentlich diejenige bin, die sonst Threads moderiert – aber ich finde, gerade deshalb sollte ich mal offen fragen, bevor ich selbst einen Fehler mache.

Ich habe nächste Woche einen Termin bei einem Finanzberater – kein Honorarberater, sondern jemand von einer bekannten deutschen Ausschließlichkeitsvermittlung (ich nenn den Namen hier mal nicht). Ein Freund hat ihn empfohlen, er wirkt auf den ersten Blick seriös. Aber nachdem ich in den letzten Monaten einiges über Provisionsmodelle gelesen habe – wie Berater an teuren Fonds verdienen, wie Abschlussprovisionen bei Lebensversicherungen funktionieren usw. – bin ich ehrlich gesagt skeptisch geworden.

Meine Fragen an euch:

  • Hat jemand von euch einen Finanzberater wirklich bereut? Was ist konkret schiefgelaufen?
  • Oder habt ihr auch positive Erfahrungen gemacht, die ich vielleicht zu wenig gewichte?
  • Lohnt sich ein Honorarberater wirklich, oder ist das auch nur ein Modell mit anderen Nachteilen?

Ich bin keine Anfängerin in Finanzthemen, aber bei meiner eigenen Situation (Altersvorsorge, evtl. Immobilie, Depot) wäre ein strukturierter Blick von außen vielleicht nicht schlecht. Ich frage mich nur, ob ich dabei jemanden brauche, der ein Interesse daran hat, mir bestimmte Produkte zu verkaufen.

Danke für ehrliche Antworten – auch wenn sie unbequem sind. 🙏

— Bitte Forenregeln beachten – danke! 🙏

Ich kann aus eigener Erfahrung berichten: Ich hatte mit 27 einen Termin bei einem AWD-Nachfolger (MLP-ähnlich, österreichische Variante). Der Berater war freundlich, hat eine tolle Analyse erstellt – und am Ende stand eine fondsgebundene Lebensversicherung mit 2,5% Ausgabeaufschlag und einer TER von 1,8% p.a. auf dem Tisch.

Als ich nachgerechnet habe, wie viel davon nach 30 Jahren tatsächlich bei mir ankäme im Vergleich zu einem simplen MSCI-World-ETF-Sparplan, war ich sprachlos. Der Berater hat das natürlich ganz anders dargestellt – mit Hochrechnungen bei 6% Rendite, aber vor Kosten.

Mein Fazit: Wenn du Finanzgrundlagen kennst (und das tust du offensichtlich), brauchst du keinen Provisionsvermittler für Standardthemen wie Depot oder ETF-Sparplan. Für Spezialfälle – Erbschaft, Scheidung, komplexe Steuerstruktur – kann ein Honorarberater tatsächlich Sinn machen. Aber dann weißt du zumindest, wofür du zahlst.

— Österreich ist nicht Deutschland — aber Sparen geht überall.

Das Thema kenn ich leider aus dem Bekanntenkreis sehr gut. Ein Kollege hat sich mit Anfang 30 von einem Berater der DVAG eine Riester-Rente und eine Berufsunfähigkeitsversicherung verkaufen lassen – beides nicht per se schlecht. Das Problem war die Kombination: Die BU war an einen fondsgebundenen Rentenvertrag gekoppelt, was die Kosten massiv in die Höhe getrieben hat und die BU-Leistungen im Falle einer Inanspruchnahme komplizierter gemacht hätte.

Beim Nachrechnen stellte sich heraus, dass er die BU separat bei einem Direktversicherer (z.B. Hannoversche oder Cosmos Direkt) deutlich günstiger bekommen hätte – und das Depot hätte er einfach selbst über einen Broker wie Scalable oder Trade Republic laufen lassen können.

Positiv: Der Berater hat ihm zumindest überhaupt mal eine BU nahegelegt. Ohne den Termin wäre er wohl noch heute ohne Absicherung. Das ist der echte Mehrwert – das Anstoßen. Nicht das konkrete Produkt.

— Steuern sparen ist die beste Rendite.

Ich hab meinen Berater damals nicht bereut, aber heute würde ich vieles anders machen. Ich hatte 2005 einen klassischen Lebensversicherungsvertrag abgeschlossen, 25 Jahre Laufzeit. Der Berater hat mir das als Altersvorsorge verkauft.

Was ich damals nicht wusste: Die Garantieverzinsung von 2,75% klingt okay, aber nach Kosten und Inflation ist das real kaum etwas. Ich hätte stattdessen schon damals in einen einfachen Aktiensparplan investieren können – aber das wurde mir nicht als Option genannt. Natürlich nicht, daran verdient der Berater nichts.

Den Vertrag hab ich 2018 beitragsfrei gestellt und den Rest in einen ETF-Sparplan umgeschichtet. Das war die bessere Entscheidung. Ob ich damit gut liege, weiß ich 2030.

— Rente planen heißt Zukunft gestalten.

Ich hab in meinem Leben zwei Finanzberater gehabt. Den ersten in den 90ern – der hat mir Anteile an einem geschlossenen Immobilienfond vermittelt. Wisst ihr wie das ausgegangen ist? Nein? Ich auch nicht so richtig, der Fond wurde 2009 aufgelöst mit Verlust. 😅

Den zweiten hab ich 2003 getroffen, kurz nach dem Platzen der Dotcom-Blase. Der hat mir erklärt, jetzt sei der perfekte Zeitpunkt für Technologiefonds – weil ja alles so günstig sei. Hab ich Gott sei Dank nicht gemacht.

Seitdem mach ich das selbst. MSCI World, ein bissal EM, fertig. Brauch keinen der mir erzählt was ich will – ich will niedrige Kosten und Ruhe. Beid es krieg ich ohne Berater besser hin.

— Ich hab Sparbuch überlebt und Neuen Markt. ETFs machen mir keine Angst.

Ey ich sag's mal so: Ich hab damals beim Deutschen Ring ne kapitalbildende Lebensversicherung abgeschlossen. Der Typ vom Büro nebenan hat die vermittelt, schön freundlich, Kaffee dabei.

Ergebnis nach 12 Jahren: Ich hab den Vertrag gekündigt und krieg jetzt den Rückkaufswert – der liegt unter meinen eingezahlten Beiträgen. 😂 Nicht lachen, ist nicht witzig. Ist meins Geld.

Jetzt hab ich nen Sparplan bei der DKB, ETF drauf, fertig. Kein Berater mehr. Nie wieder.

— Früher hatte ich mehr Geld. Heute hab ich mehr Wissen.

Ich möchte auch mal eine etwas andere Perspektive einbringen, weil hier gerade alle nur schlechte Erfahrungen teilen.

Mein Mann und ich hatten vor ein paar Jahren einen freien Finanzberater – kein Honorarberater, aber auch kein Ausschließlichkeitsvermittler. Der hat uns geholfen, unsere Haushaltsfinanzen zu strukturieren, eine passende Risikolebensversicherung zu finden (die er bei mehreren Gesellschaften verglichen hat) und uns erklärt, warum unsere damalige Riester-Förderung für uns mit zwei Kindern tatsächlich Sinn macht.

Der hat an Provisionen verdient, ja. Aber er hat auch wirklich verglichen und uns nicht in teure Fondspolicen gedrängt. Sowas gibt's also auch. 🙂

Trotzdem: Ich würde heute immer vorher selbst recherchieren und genau wissen, was ich will – dann kann der Berater mich auch nicht so leicht über den Tisch ziehen.

— Wer nicht aufschreibt, was er ausgibt, gibt zu viel aus.

Gestatten Sie mir als ehemaliger Steuerberater eine etwas differenziertere Einschätzung.

Das Provisionsproblem ist strukturell und kein persönliches Versagen einzelner Berater. Ein Vermittler, der an Produktabschlüssen verdient, hat per Definition einen Interessenkonflikt – das ist keine Meinung, das ist Systemlogik. Das bedeutet nicht, dass jedes Produkt, das er empfiehlt, schlecht ist. Aber es bedeutet, dass Sie immer kritisch prüfen müssen, was Ihnen präsentiert wird.

Konkret empfehle ich: Gehen Sie ruhig hin, hören Sie zu, lassen Sie sich nichts unterschreiben und nehmen Sie alle Unterlagen mit nach Hause. Dann rechnen Sie selbst nach – oder lassen Sie jemanden Vertrauenswürdiges nachrechnen. Ein Honorarberater kostet 150–250 Euro pro Stunde, aber ein einziges schlechtes Produkt über 20 Jahre kann Sie deutlich mehr kosten.

Die Verbraucherzentrale bietet übrigens auch günstige Finanzberatung an – das wird hier selten erwähnt, ist aber ein sehr guter erster Anlaufpunkt.

— Ohne Eigenvorsorge ist die gesetzliche Rente nur ein Trostpflaster.

Ich widerspreche mal ein bisschen dem Mainstream hier. Klar sind viele Berater Provisionsjäger – aber ich kenne auch Leute, die sich "selbst informiert" haben und dann 2021/22 auf Empfehlung von Reddit und YouTube in Krypto und einzelne Wachstumswerte reingeballert haben. Ohne Berater, aber mit sehr viel Verlust.

Ein Berater ist kein Garant für gute Ergebnisse. Aber kein Berater auch nicht. Die Frage ist eigentlich: Wie viel Zeit und Interesse haben Sie selbst, sich mit dem Thema zu befassen? Wer das ernsthaft macht, braucht keinen. Wer das nicht macht, läuft ohne Berater in andere Fallen.

— ETF ist für die Masse. Ich kenn meine Aktien persönlich.

Danke schon mal für die vielen ehrlichen Antworten – das ist genau das, was ich gesucht habe.

@Rentenrechner_Rudolf: Der Hinweis auf die Verbraucherzentrale ist gut, das hatte ich tatsächlich noch nicht auf dem Schirm. Die bieten in manchen Bundesländern Finanzberatung für 80–120 Euro pro Termin an, soweit ich weiß. Das wäre vielleicht ein sinnvoller erster Schritt vor dem Beratertermin.

@EinzelaktienEgon: Den Punkt verstehe ich, aber ich glaube, den Fehler mache ich nicht – ich bin seit Jahren im Markt, habe ein laufendes ETF-Depot und bin nicht auf der Suche nach dem nächsten heißen Tipp. Mein Problem ist eher das Strukturelle: Altersvorsorge, Immobilienfinanzierung, Absicherung – das ist komplex und ich frag mich, ob ein Gesamtbild von außen helfen würde.

— Bitte Forenregeln beachten – danke! 🙏

Ich sag mal was zur Immobilie, weil du das erwähnt hast. Ich hab meinen Finanzierer damals selber rausgesucht über Interhyp und Dr. Klein, parallel. Die haben mir beide kostenlos Angebote gemacht – die verdienen an der Bankprovision, aber du hast wenigstens Vergleiche. Das hat mir mehr gebracht als jeder Allfinanzberater.

Für Kredit und Immobilie würd ich nie zu nem Allfinanztypen gehn. Das ist ein anderes Geschäft, da brauchst du nen Spezialisten oder machst es selbst über die Vergleichsportale.

— Eigenheim ist Eigenheim. Punkt.

Ich möchte einen Punkt ergänzen, der in dieser Diskussion noch fehlt: die rechtliche Qualifikation des Beraters.

Es gibt in Deutschland drei wesentliche Kategorien: den gebundenen Vermittler (§ 84 HGB), den ungebundenen Makler (§ 34d GewO) und den zugelassenen Honorar-Finanzanlagenberater (§ 34h GewO). Letzterer darf keine Provisionen annehmen – das ist gesetzlich geregelt, nicht nur eine Selbstverpflichtung.

Bevor Sie in den Termin gehen: Fragen Sie direkt, unter welchem Paragraphen Ihr Gesprächspartner tätig ist. Die Antwort auf diese Frage sagt schon sehr viel darüber, welche Interessen er verfolgt. Wenn er das nicht beantworten kann oder will – Termin absagen.

— Die Abgeltungssteuer ist nicht das Ende – nur fast.
Zuletzt bearbeitet von August P. am 10. Nov 2024, 22:02 – Grund: Paragraphenangabe korrigiert (34h statt 34f für Honorarberater)

Ich hab letztes Jahr einen Honorarberater ausprobiert – 180 Euro die Stunde, zwei Stunden, also 360 Euro gesamt. Klingt viel. Aber der hat mir in der Zeit erklärt, warum meine damalige fondsgebundene Rentenversicherung (von meinem alten Arbeitgeber vermittelt) Mist war, wie ich sie kostengünstig beitragsfrei stellen kann ohne Verlust und was ich stattdessen für die Kinder und meine eigene Rente sinnvoll aufbauen kann. 💡

Konkret hat er mir empfohlen: ETF-Depot bei einem günstigen Broker, Kinderdepot für die Kids, und für mich persönlich einen ETF-basierten Fondssparplan über die betriebliche Altersvorsorge (wegen Arbeitgeberzuschuss). Kein einziges Produkt hat er mir verkauft. Das Geld war gut angelegt.

Aber: Das funktioniert nur, wenn man mit klaren Fragen reingeht. Sonst verquatscht man die Zeit. 😅

— Finanzplanung mit Kinderbonus ist ein Sport für sich.

Als Bankkaufmann kann ich von innen berichten: Der Druck, bestimmte Produkte zu verkaufen, ist real. Wir hatten Quartalsziele für Fonds mit bestimmten Margen, für Bausparverträge, für Versicherungen. Das ist kein Geheimnis, aber es wird dem Kunden selten so direkt gesagt.

Was ich empfehle: Geh zum Termin mit einer klaren Agenda. Sag dem Berater von Anfang an: "Ich möchte heute keine Unterschrift leisten. Ich möchte zuerst verstehen, wie Sie vergütet werden, und dann die Empfehlungen in Ruhe prüfen." Wie er darauf reagiert, sagt alles.

Ein guter Berater – auch ein provisionsbasierter – wird das akzeptieren. Ein schlechter wird Druck machen.

— Zinseszins ist kein Mythos. Rechnet selbst nach.

lol ich hab mal nen Berater gehabt der mir mit 24 ne kapitalbildende LV aufschwatzen wollte. Ich: "Und was kostet mich das in 30 Jahren an Opportunitätskosten?" Er: Blanker Blick. 😂

Danach bin ich gegangen. Jetzt mach ich alles selbst, YouTube, Kommer-Buch, fertig. Für mich passt das.

— Autos reparier ich selbst – Finanzen auch 🔧

Mei, ich hab mal einen Kumpel gehabt der hat sich von so einem Berater überzeugen lassen alles auf einmal zu machen: Rürup, Riester, LV, BU – alles in einem Termin. Der Berater hat dann ne Stunde nach dem Termin noch angerufen ob er noch irgendwas vergessen hat zu vermitteln. 😅

Im Ernst: Das war natürlich kompletter Schwachsinn. Zu viel auf einmal, zu wenig durchdacht, zu viel Provision für den Berater. Mein Kumpf hat 3 von 4 Sachen wieder gekündigt und das Geld verloren wegen Abschlusskosten. Klassiker halt.

— Mia san sparsam – a bissl zumindest 😅
Abgeltungssteuer_August schrieb:Fragen Sie direkt, unter welchem Paragraphen Ihr Gesprächspartner tätig ist.

Das ist wirklich ein sehr guter Tipp. Ich würde noch ergänzen: Man kann das auch vorab im Vermittlerregister prüfen. In Deutschland gibt es das DIHK-Register unter vermittlerregister.info, in Österreich das FMA-Register. Dort sieht man sofort, ob jemand als gebundener Vermittler oder als unabhängiger Makler eingetragen ist.

Das kostet fünf Minuten und man geht nicht blind in den Termin.

— Österreich ist nicht Deutschland — aber Sparen geht überall.

Sorry für Necro – aber ich wollte noch nachfragen Sabine: Bist du zum Termin gegangen? Wie war's? 🙂

Ich frag weil ich neulich wieder so einen Bericht gesehen hab über Allfinanzvertriebe und da dacht ich an diesen Thread hier.

— Ich hab Sparbuch überlebt und Neuen Markt. ETFs machen mir keine Angst.

Sehr wertvoller Thread, ich pinne den mal kurz für neue Mitglieder.

Zur Zusammenfassung für alle, die gerade ankommen: Der Kern der Diskussion ist nicht "Finanzberater ja oder nein", sondern welches Modell und mit welcher Vorbereitung. Provisionsberater können für einfache Absicherungsprodukte (BU, Risikolebensversicherung) durchaus sinnvoll sein, wenn man die Empfehlung selbst einordnen kann. Für Vermögensaufbau und Depot braucht man sie in aller Regel nicht. Honorarberater sind teuer, aber transparent – und für komplexe Situationen oft günstiger als ein schlechtes Produkt über 20 Jahre.

Die Verbraucherzentrale als Erstanlaufstelle wurde hier mehrfach erwähnt – das ist ein Punkt, den ich unterstreiche. Kosten überschaubar, kein Interessenkonflikt.

— Sachlich bleiben – dann kommen wir alle weiter.
Zuletzt bearbeitet von Thomas (Mod) am 14. Nov 2024, 08:35 – Grund: Thread angepinnt, Zusammenfassung ergänzt
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