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Finanzplanung als Freelancer – wie plant man mit unregelmäßigem Einkommen?

Kategorie: Finanzplanung  ·  erstellt von Sigurd P.  ·  12. Mär 2026, 10:56  ·  12 Antworten · 1628 Aufrufe

Moin zusammen,

ich bin seit gut 8 Jahren selbstständiger Elektriker hier in Dresden und das läuft eigentlich ganz ordentlich. Problem ist bloß: Meine Einnahmen schwanken extrem. Ein guter Monat bringt mir 5.000–6.000 € netto, ein schlechter (Feiertage, Urlaub, kranke Auftraggeber) manchmal nur 2.000 €. Im Schnitt sind es vielleicht 3.500 €, aber der Schnitt hilft mir herzlich wenig wenn im Februar plötzlich die Materialrechnung kommt und ich im Januar nur 2.200 € hatte.

Ich hab bisher einfach "irgendwie" gelebt – gute Monate gespart, schlechte Monate aufgebraucht. Aber das ist natürlich kein Plan, das ist nur Glück. Ich bin jetzt Ende 40 und langsam wird mir das mulmig. Rente, Altersvorsorge, Steuerrücklagen – das alles liegt bei mir auf einem einzigen Tagesgeldkonto und ich weiß ehrlich gesagt nie genau wieviel davon schon "verplant" ist (Steuer) und wieviel wirklich meins ist.

Konkret suche ich:
– Wie baut man ein Kontosystem auf, das Steuerrücklagen, Notgroschen und freies Geld sauber trennt?
– Wie macht man Sparraten (ETF, Altersvorsorge) wenn man nicht weiß was nächsten Monat reinkommt?
– Hat jemand Erfahrung mit dem Konzept, sich selbst ein "Gehalt" auszuzahlen?

Bin für jeden Hinweis dankbar – außer "geh zum Steuerberater", den hab ich schon, der kümmert sich ums Steuerliche. Mir gehts ums persönliche Finanzmanagement.

— Vertrau keinem Banker, der dir was verkaufen will.

Das "sich selbst ein Gehalt auszahlen"-Konzept ist eigentlich der Klassiker und funktioniert tatsächlich. Kurz erklärt wie ich das bei mir (auch unregelmäßiges Freelancer-Einkommen als Entwickler) gelöst hab:

Drei-Konten-Modell:
1. Geschäftskonto – hier landet alles rein, nichts geht direkt von hier für privat raus
2. Puffer-/Steuerkonto – ich überweise sofort 30% jeder Einnahme hier drauf, nicht anfassen außer für Steuervorauszahlungen
3. Privatkonto – von hier lebe ich, mit einem fixen "Gehalt" das ich mir Anfang des Monats überweise

Das "Gehalt" setze ich auf mein schlechtestes realistisches Monatsergebnis minus 10% als Puffer. Bei mir wären das also wenn schlechtester Monat 2.200 € netto: ich überweise mir 1.980 €. Alles was auf dem Geschäftskonto darüber liegt, bleibt da als Liquiditätspuffer für schlechte Phasen.

Klingt simpel, ist es auch. Aber es hat bei mir dazu geführt, dass ich endlich aufgehört hab in guten Monaten mehr auszugeben, nur weil mehr da war.

— P2P: Habe gelernt, teuer gelernt.

@P2P_Pessimist_Paul Das mit den 30% Steuerrücklage klingt vernünftig, aber ist das nicht zu wenig? Als Elektriker hat Sigurd ja auch Gewerbesteuer, Umsatzsteuer wenn er nicht Kleinunternehmer ist, und dann noch Einkommensteuer. Ich kenn Handwerker wo das locker 40–45% sein kann.

Ich bin zwar Angestellter aber mein Schwager ist Installateur und selbstständig, der hat mal erzählt dass er eine zeitlang 25% zurückgelegt hat und dann kam die Steuernachzahlung und hat ihn fast umgehauen. Seitdem legt er 40% zurück und schaut was am Jahresende übrig ist.

— Noch 3 Jahre und ich hör auf – wenn's klappt.

@RenteVomFeinsten_Reiner Guter Punkt, ich hab das vereinfacht dargestellt. Die 30% waren auf meinen Fall als Entwickler ohne Gewerbesteuer-Relevanz gemünzt. Für einen Elektriker mit Gewerbe würde ich auch eher 35–40% empfehlen, je nach Gewinnhöhe. Lieber zu viel zurücklegen und sich am Jahresende freuen als umgekehrt.

— P2P: Habe gelernt, teuer gelernt.

Gute Diskussion bisher. Ich würde noch einen Punkt ergänzen, der oft vergessen wird: die Krankenversicherung. Als Selbstständiger zahlst du die komplett selbst, und der Beitrag orientiert sich beim Mindestbeitrag der gesetzlichen KV aktuell an ~1.131 € Mindestbemessungsgrundlage, kann aber je nach Einkommensnachweis deutlich höher liegen. Das sind schnell 400–800 €/Monat die fix rausgehen – unabhängig vom Monatsgewinn.

Das sollte in der Fixkostenplanung als unverhandelbare Position stehen, bevor man überhaupt über das "Gehalt" nachdenkt. Ich hab zu viele Threads hier gelesen wo Selbstständige das irgendwie "mitgeplant" hatten und dann doch in die Bredouille kamen.

— Bitte Netiquette beachten. Danke.

okay ich bin zwar nur Azubi und hab von Freelancer-Leben null Ahnung 😅 aber das Konzept mit dem "sich selbst Gehalt auszahlen" klingt eigentlich mega logisch? Ich mein, ich krieg auch jeden Monat dasselbe und leb danach. Wenn ich mal mehr hätte würd ichs wahrscheinlich auch verballern lol

Frage am Rande: Braucht man für das Drei-Konten-Ding drei verschiedene Banken oder reicht eine? Und kostet das Geschäftskonto nicht immer Gebühren? 🤔

— Azubi-Gehalt reicht grad so für Döner UND Sparplan 😂

@AzubiAndreas_Dortmund Zur Kontofrage: Nein, du brauchst nicht drei verschiedene Banken, aber es macht Sinn das Geschäftskonto bei einer anderen Bank zu führen als das Privatkonto – allein schon damit man mental den Unterschied sieht.

Für Selbstständige mit überschaubarem Belegvolumen gibt es durchaus günstige Geschäftskonten: Kontist hat einen kostenlosen Tarif, Fyrst (Deutsche Bank) kostet ab 0 €/Monat im Basis-Tarif, FINOM ist eine weitere Option. Die klassischen Hausbanken nehmen oft 15–25 €/Monat für Geschäftskonten, das ist für einfache Nutzung selten gerechtfertigt.

Für das Steuerkonto reicht ein normales Tagesgeldkonto bei einer Direktbank – Trade Republic zahlt aktuell 3,75% p.a. auf Cashbestände, das ist für Steuerrücklagen nicht schlecht.

— Konditionen vergleichen lohnt sich – immer.
Zuletzt bearbeitet von Kai R. am 23. Okt 2026, 18:19 – Grund: Zinssatz ergänzt

Ich bin zwar in Österreich und die Steuerstruktur ist etwas anders, aber das Grundproblem mit unregelmäßigem Einkommen kennen wir hier genauso.

Was bei mir und einigen Selbstständigen die ich kenne wirklich geholfen hat: ein Jahresbudget statt Monatsbudget. Man nimmt das Vorjahreseinkommen (oder konservativer: das schlechteste der letzten 3 Jahre), zieht Steuern und Fixkosten ab, und teilt das durch 12. Das ist das monatliche Budget – egal was tatsächlich reinkommt. Gute Monate bauen den Puffer auf, schlechte Monate zehren ihn ab.

Der psychologische Vorteil: Man hört auf, jeden Monat neu zu rechnen und zu hoffen. Das Jahresdenken macht ruhiger.

— Österreich tickt bei Finanzen etwas anders – ich erklärs!

Ich bin zwar angestellt, aber ich find's interessant dass hier noch niemand über die Höhe des Notgroschens für Selbstständige geredet hat. Für Angestellte sagt man 3 Monatsgehälter. Für Freelancer ist das meiner Meinung nach zu wenig.

Wenn Sigurd mal 3 schlechte Monate in Folge hat (krank, Auftraggeber pleite, whatever) und gleichzeitig eine Steuernachzahlung kommt – da braucht man locker 6 Monate Fixkosten als eiserne Reserve. Fixkosten, nicht Einnahmen. Also: Miete, KV, Versicherungen, Materialvorfinanzierung – was auch immer monatlich fix rausgeht. Einfach mal ausrechnen was das bei dir ist, Sigurd, und dann 6x davon auf ein Konto packen das du wirklich nicht anrührst außer im Notfall. 😐

Alles was dann noch oberhalb dieser Reserve liegt, kann investiert werden.

— Drei Monatsgehälter als Puffer – das ist Minimum, nicht Maximum.

Zur ETF/Sparplan-Frage: Das lässt sich mit unregelmäßigem Einkommen gut lösen, indem man keinen festen monatlichen Sparplan einrichtet, sondern einen sehr kleinen Fixbetrag (z.B. 100 €/Monat) als Mindest-Sparplan laufen lässt, und dann in guten Monaten manuell aufstockt.

Bei Scalable Capital oder Trade Republic geht das problemlos – einmalige Käufe zusätzlich zum Sparplan, keine Gebühren, ETF-Auswahl groß genug. Ich würde nicht auf eine feste Sparrate bestehen wenn das Einkommen schwankt. Lieber 100 € sicher als 500 € und dann in einem schlechten Monat den Sparplan pausieren müssen – das fühlt sich psychologisch wie Scheitern an und demotiviert.

Und zur Altersvorsorge: Als Elektriker bist du vermutlich in der gesetzlichen RV pflichtversichert (sofern du keine Angestellten hast oder in der Handwerkerrolle bist) – das solltest du klären. Falls nicht, wäre ein ETF-Depot als Hauptbaustein der AV für dein Alter noch durchaus sinnvoll aufzubauen, aber dann mit mehr Konsequenz.

— Monatlich 200 € in den MSCI World – seit 5 Jahren.

Einen Aspekt hab ich hier noch vermisst: die Buchhaltung als Planungsinstrument. Klingt trocken, ist aber für Selbstständige Gold wert.

Wenn man konsequent jede Einnahme und Ausgabe kategorisiert (auch privat!), sieht man nach 2-3 Jahren ganz klar die saisonalen Muster. Bei einem Elektriker gibt's garantiert Monate die strukturell besser sind als andere – Herbst wenn alle Heizungen gewartet werden, Frühjahr Neubauten etc. Wenn man das kennt, kann man vorausplanen statt zu reagieren.

Ich verwend WISO oder Lexoffice für sowas, aber eigentlich reicht auch eine simple Excel-Tabelle wenn man sie konsequent führt. Das Problem ist das "konsequent".

— Kreditkarte ja – aber bitte vollständig abbezahlen jeden Monat.

Wow, das ist mehr Input als ich erwartet hab, danke an alle.

@P2P_Pessimist_Paul Das Drei-Konten-Modell klingt genau nach dem was ich brauch. Ich hab bisher alles auf einem Haufen und wunder mich dann warum ich keinen Überblick hab – logisch eigentlich.

@Mod_Thorsten_FFF KV ist bei mir tatsächlich ein Brocken, ich bin freiwillig gesetzlich versichert und zahl um die 650 € im Monat. Das steht fix im Kalender, da hast du recht.

@Notgroschen_Nathalie_K 6 Monate Fixkosten als Reserve – das ist schmerzhaft wenn man das mal ausrechnet. Meine Fixkosten liegen bei ca. 2.800 € (Miete, KV, Versicherungen, Leasingfahrzeug). Das wären 16.800 € die ich "einfrieren" müsste. Habe ich nicht, aber das ist wohl das mittelfristige Ziel.

@Kreditkarten_Knecht_Knut Ich nutz Lexoffice eh schon für die Rechnungen, ich muss mal schauen ob ich da auch die Privatausgaben irgendwie tracke. Wahrscheinlich eher Excel-Lösung für privat.

Das mit dem Jahresbudget (@GrenzgängerGabi_AT) gefällt mir auch – ich glaub das ist der Denkwechsel den ich brauch. Monatlich zu denken macht mich nur nervös.

— Vertrau keinem Banker, der dir was verkaufen will.
Zuletzt bearbeitet von Sigurd P. am 26. Okt 2026, 12:23 – Grund: Tippfehler korrigiert

Sorry für den Spät-Beitrag, ich wollte noch was nachschieben zum Thema Altersvorsorge weil das Sigurd ja auch angesprochen hat.

Als Handwerker (Elektriker) bist du laut Handwerkerrolle in der gesetzlichen Rentenversicherung pflichtversichert – das hat @Sparplan_Sören_HB schon richtig angedeutet. Nach 18 Pflichtbeitragsjahren kannst du dich auf Antrag befreien lassen, aber die meisten machen das nicht. Das bedeutet aber auch: du hast schon einen Grundbaustein für die Rente, anders als viele andere Freelancer. Das ist nicht nichts.

Trotzdem würde ich zusätzlich etwas aufbauen. Rürup-Rente ist für Selbstständige steuerlich interessant (Beiträge absetzbar), aber unflexibel. Wenn dir ETF-Depot lieber ist wegen der Flexibiltät, ist das auch okay – nur halt nicht steuerbegünstigt. Ich würd mich da nicht festlegen ohne konkrete Zahlen durchgerechnet zu haben.

— Noch 3 Jahre und ich hör auf – wenn's klappt.
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